Bots und Trollfarms
Als gäbe es intuitiven Zuspruch für diese Zustände lol
Ich habe das glaube ich schon mal erwähnt hier, aber vor ein paar Jahren hat ein Politikwissenschaftler ein interessantes Buch über "Political Hobbyism" in den USA geschrieben: Er meint einen Trend ausgemacht zu haben, dass viele Bürger Politik quasi als passives Hobby/Interesse verstehen; etwas, das man so konsumiert wie Leistungssport im TV oder eine Reality-Serie. In seinem Sinn gibt es viele Leute die "Demokrat" oder "Republikaner" auf die Art sind, wie man EDM-Fan oder Country-Fan ist oder sowas. Sein Fokus war damals stark darauf, dass Bürger Politik als passiver Konsument wahrnimmt, statt als etwas wo er sich aktiv beteiligen sollte (was ja die eigentliche Idee in der Demokratie ist). Ich fand das damals eine interessante Idee, habe dann aber (wie bei vielen anderen Büchern) nicht mehr viel darüber nachgedacht.
Im Laufe des letzten Jahres bekomme ich aber immer mehr das Gefühl, dass das zwar aktuell tatsächlich ein zentrales Problem ist, aber dass er den falschen Aspekt an "Hobbyismus" ins Zentrum gestellt hat. Ich habe immer mehr das Gefühl, zentral am Hobbyismus ist nicht der Faktor des Bürgers als "passiver Konsument", sondern als voreingenommener Beobachter. In einer normalen Demokratie gibt es zwar auch Parteiidentifikationen, aber wenn man eine Partei nach denselben Maßstäben bewertet wie ein Hobby wird das (zurecht!) als pathologisch gesehen.
Wenn ich zuhause Fußball schaue (vom Stadion ganz zu schweigen) und mein Verein spielt ärgere ich mich vielleicht darüber, dass sie schlecht spielen, aber egal wie schlecht sie spielen, ich werde nie denken dass es mir lieber wäre sie verlieren das Spiel. Ich bin natürlich nicht blind und weiß schon, wenn mein Verein objektiv verdienen würde das Spiel zu verlieren, aber das heißt nicht dass ich mir subjektiv nicht trotzdem wünsche, dass sie es gewinnen, egal wie glücklich und unverdient. Sowas wie merit ist schlicht keine Kategorie, die ich anlege. Das ist, grob geschätzt, wie so wie jeder Fan seinen Verein sieht. Wenn ich dagegen in den Nachrichten irgendwelche tagespolitischen Debatten sehe und die Partei, mit der ich mich am meisten identifiziere, vertritt eine Position die ich nicht gut finde (ziemlich prominent passiert in den letzten Monaten für mich), dann hoffe ich aber eben gerade NICHT darauf, dass sie sich gegen besseres Wissen durchsetzt, sondern dass sie mit dem Vorschlag scheitert und sie nicht Gesetz wird. Mir ist es immer wichtiger, dass die für mich korrekte Position sich durchsetzt, nicht die Partei mit der ich am meisten sympathisiere, wenn sie in im jeweiligen Fall die falsche Position vertritt.
Genau so eine Differenzierung sehe ich im Trump/MAGA-Lager häufig gar nicht mehr. Was Trump fordert und was die "libs triggert" ist immer das, was gewünscht wird. Sowas wie eine inhaltliche Positionierung findet de facto gar nicht mehr statt. Deshalb sind die permanenten *inhaltlichen* Widersprüche auch so leicht auszuhalten: Wenn die einzige echte Überzeugung "meine Seite soll gewinnen, die andere soll verlieren" ist, dann ist es kein Problem wenn man sich inhaltlich die ganze Zeit widerspricht. ICE, die eine harmlose Autofahrerin niederschießt, ist dann nicht mehr vergleichbar mit der capitol police, die eine Protestierende am 6. Januar erschießt, die gerade dabei ist ins capitol einzusteigen, weil es eben gar nicht darum geht dass ICE und die capitol police beide die "Polizei" sind, sondern dass ICE auf der vermeintlichen eigenen Seite steht und die Frau in Minnesota eben nicht. Da gibt es dann glaube ich schon eine Menge intuitiven Zuspruch für diese Zustände, weil sie eigentlich genau das sind, was man sich wünscht.