Mea culpa: In dem Fall, den ich vor Augen hatte, ist es tatsächlich auch so. So wärens im Beispiel -15 und -30 erst bei 6:30 h tatsächlicher Arbeitszeit. Der Punkt lag eher darauf, dass Zeiterfassung häufig eher als nützliche Fiktion eingesetzt wird, statt als tatsächliche Dokumentation und das wird dann auch noch als besonders rechtskonforme Lösung angepriesen.
Ja, diese Fälle kenne ich, sehr gut sogar. Allerdings komme ich nicht von einer scheinbar rechtskonformen Zeiterfassung mit marginalen Unanehmlichkeiten auf das Auflösen des Grundgedankens über alle Branchen und Arbeitsplätze hinweg. Primär sehe ich hier ein Führungsproblem, wenn es bei dir in der Organisation nicht klappt, weniger ein Problem des kompletten Rahmens, der am Ende gar nicht vollständig geprüft worden ist.
Diese Pausenzeiten haben gute Gründe, nach Stunden konzentrierter Arbeit ist man irgendwann durch, egal ob das nun körperliche Belastung, Stress oder starke Konzentration ist. Es sollte in beiderseitigem Interesse sein, die Pausen zu wahren, weil im Bestfall "nur" die Fehlerquote enorm steigt, wenn man diese Vorgaben dauerhaft ignoriert. Aus meiner Nahfeldempirie kenne ich dutzende Fälle, in denen man es im Nachinhein besser gewusst hat*; meist bei Arbeitgebern der heiligen KMU-Riege, deren Mantra Anwesenheit = Produktivität bedeutet. Egal ob ich da in Produktion / Werkstatt schaue, oder ins Büro, meist ist es einfach beschissene Planung und "Prozesse", die nicht als solche erkennbar sind, die dazu führen, dass Pausen "nicht immer möglich" sind. Am schlimmsten wird das, mein Blick in die Glaskugel, für alle, die zur Tätigkeitsstelle reisen müssen, weil Arbeitszeit nicht gleich Reisezeit ist. Na, tolle wurst. Nach einer 11-Stunden-Baustelle noch 3 Stunden Pendelzeit, wovon mir pauschal aber nichts vergütet wird. Und genau in diesem Umfeld, in dem sowieso die vorhandenen Möglichkeiten nicht genutzt werden, weil das gesamte Umfeld chaotisch ist, will man jetzt für noch mehr Ineffizienz und Unachtsamkeit die Türen weit aufreißen, weil eine Introspektion irgendwie den KMU (c) nicht möglich zu sein scheint. Für Arbeitnehmer, die kaum Macht haben, weil sie im ANÜ-Karusell sitzen oder sehr gering qualifiziert sind. Eher das Gegenteil, wenn dann solche Tage "angeordnet" werden könnten.
Unabhängig davon ist es bereits möglich auch längere Arbeitszeiten über den Tag zu ermöglichen, die deutlich über dem normalen Limit sind. Beispielsweise, wenn Leben an der Arbeit hängen. Erfahrungsgemäß geht bei meiner Frau keiner nach sechs Stunden mal eben in die Pause, wenn gerade ein Notfall in der Geschlossenen angekarrt wird. Oder aber via Gleitzeitmodellen und Vertrauensarbeitszeit mit oder ohne mobiles Arbeiten. Für letztere muss man als Arbeitnehmer halt auch korrekt stempeln und/oder der Arbeitgeber prüfen, ob das alles korrekt ist. Auch hier ist viel Missbrauch möglich (und findet so statt), allerdings hat hier wenigstens der Arbeitnehmer in der Regel mehr Verhandlungsmacht. Der Hase liegt hier im Pfeffer, für den Arbeitgeber bedeuten flexible Modelle mehr Aufwand und eine gefühlte Unsicherheit durch vermeindlichen Kontrollverlust, zuletzt auch, da sollte man ehrlich sein, unklare Gesetze im erweiterten Umfeld (bspw. bei Versicherungen).
Statt hier für mehr Klarheit zu sorgen, wird halt irgendein Stuss aus dem Dickdarm der Arbeitgeberseite genutzt, der nach simplen Lösungen mit "tollen Vorteilen" klingt. Mehr Rechte für Arbeitnehmer auf mobiles Arbeiten wären doch auch sinnvoll, von mir aus wird dafür der Kündigungsschutz in diesen Arbeitsmodellen etwas gelockert und Gesetze geschaffen, die offene Fragen regeln.
Und für was jetzt das Aufheben? Auf der einen Seite stehen für mich potenzielle Gesundheitsrisiken für viele Beschäftigte, auf der anderen das Gefühl der Arbeitgeber und vermeintliche Work-Life-Balance-"Verbesserungen". Die Entscheidung ist doch klar: Mehrzweckeier verticken.
*einmal Autounfall auf der Heimfahrt mit einem Toten und zwei Schwerverletzten, nach mehreren Tagen von 10-Stunden-Schichten, einmal Schlaganfall und dutzende kleinere Verletzungen nach ignorieren von Pausenzeiten (alle mit Endstation Notaufnahme). Würde ich das noch mit der ignorierten Arbeitssicherheit beiderseits kombinieren, wären die Zahlen noch viel, viel höher. Allerdings arbeite ich auch seit fünf Jahren im Umfeld der Arbeitssicherheit und habe daher mehr Berührungspunkte mit unterschiedlichsten Organisationen, in denen diese Fälle auftraten.